Mit Doris nach Lectoure
Nach einem ausgiebigen Nutella-Frühstück ging’s heute erst um 7:30 Uhr los. Doris hatte ich bald eingeholt, und nach einigen Einzeletappen kamen wir gemeinsam in Lectoure an.
Der kleine Scheißer
Bis jetzt hatte ich ja noch keines der oft beschriebenen Probleme mit beißwütigen Hunden. Ich wusste auch nicht, ob mein Hundeschreck das leistet, was er im Notfall soll. Heute befand ich mich also auf einem einsamen Abschnitt, und es hatte den Anschein, ich würde nie ankommen. Links unterhalb des Weges lag ein Bauernhof, von dem aus sich die wadenbeißende Gefahr in Richtung Pilger Franko aufmachte. Natürlich mit Verstärkung.
Aber wie so oft im Leben sind nicht die Großen und Starken die Bösen, sondern die kleinen Nichtbeachteten oder Nichtgeliebten. Dieser kleine Scheißer machte sich mit bösartigem Gebell und Gekreisch an mich heran, immer mit seinem nebenher mitbellenden Freund. Mit meinem Stock wollte ich ihm keine verpassen, denn dann hätte er wohl das letzte Mal gebellt. Als er jedoch zum Angriff überging und ich mit meinem Stock herumfuchtelte, verbiss er sich darin.
Das war das Zeichen, andere Maßnahmen zu ergreifen. Einige Meter zurück, immer mit einem Auge bei diesem kleinen Drecksack, und dann den Schocker rausgeholt. Jooo, was für eine Freude, die beiden wimmernd, geduckt und ängstlich zu ihrem Bauernhof rennen zu sehen! Das Ding habe ich übrigens nur dieses eine Mal gebraucht.
Nicht die Großen und Starken sind die Bösen, sondern die Kleinen.
In Spanien hatte ich mal ’ne Begegnung mit richtig großen Wachhunden, weil ich in der Pampa vom Weg abgekommen war, aber die gaben mir nur zu verstehen, ich solle doch woanders langgehen. Was ich freiwillig tat.
La Coquille
So viel dazu, ansonsten ist der Tag ruhig verlaufen. War schon etwas fad heute. In Saint-Antoine machten wir Halt im Café „La Coquille“, Bar und Épicerie. Hach, das tat gut! Doris hatte sich auch auf einen leckeren Kaffee gefreut. Und das Café als solches war entzückend und auf den Besuch von Pilgern ausgerichtet. Was man in Frankreich ja nicht sooo oft findet. (Ach so: „La Coquille“ heißt „die Muschel“.)
Ich wollte heute draußen schlafen und noch 9 km gehen. Doris entschied sich für eine Gîte. Als wir in Lectoure eintrafen, hörten wir aus den Straßenlautsprechern spanische Musik mit viel Trompete und temperamentvollen Rhythmen. Einen solchen Empfang hätten wir nicht erwartet. ;-) Wir kehrten noch in eine kleine Bar ein, um uns einen erfrischenden Willkommenstrunk zu genehmigen. So ein kühles Bierchen halt.
Camino der Begegnungen
Während Doris sich um einen Platz in einer Gîte bemühte, machte ich mich weiter auf den Weg durch Lectoure. In einer Seitengasse sah ich ein Bistro/Bar namens „Campari“. Eigentlich ein kleiner Trödelladen, in dem man zwischen all den zum Verkauf stehenden Möbeln und Accessoires saß. Draußen unter freiem Himmel wurde jedoch gute Küche gekocht, was mir sehr gefiel. Außerdem stand eine große Leinwand für das heutige WM-Spiel Frankreich – Korea bereit.
Drinnen sah ich mir das Spiel Brasilien – Australien an. 2:0. Als es zu Ende war, wollte ich zahlen, doch wen sah ich da sitzen: Michel aus dem Elsass. Es ist unglaublich! Ich setzte mich sofort zu ihm an den Tisch und bestellte mir dasselbe, was er gerade verspeiste. Dazu ein Glas Vin Rouge.
Auf einmal kam Doris frisch geduscht und herausgeputzt an und gesellte sich zu uns. Es dauerte keine zwei Minuten, da saß auch noch Frank bei uns am Tisch. Es ist halt DER WEG! Camino der Begegnungen! Wir hatten uns natürlich viel zu erzählen und hatten dabei ’ne Menge Gaudi. Frankreich spielte übrigens 1:1 gegen Korea, die ein super Spiel abgeliefert hatten.
Diese Sucht, die Laufen heißt
In der Unterkunft, in der Frank und Jens übernachteten, musste man nix zahlen bzw. nur eine freiwillige Spende geben. Als wir allesamt aufbrachen, verabschiedete ich mich von Doris und den Jungs und machte mich im Dunkeln auf den Weg durch die Stadt, raus auf die Straßen zu einem geeigneten Ruheplatz. Vielleicht hätte ich in Lectoure bleiben sollen, denn die feierten heute ’ne Riesenparty, da sie im Rugby aufgestiegen sind.
Nach ca. 7 bis 8 km die Straße entlang fand ich rechter Hand auf einem Feld einen guten Platz zum Pennen. Hinter mir die noch immer hell erleuchtete Stadt, die auf einer Anhöhe lag. Warum bin ich, musste ich oder wollte ich heute noch weiterlaufen? Warum nicht einfach in ’ne Gîte einchecken und die Nacht auf den Straßen mit Musik und guten Drinks verbringen? Ja, ich weiß es selbst nicht. Der Drang voranzukommen ist gewaltig groß. Diese Sucht, die Laufen heißt.
Ich habe geschlafen wie ein Bär und war gespannt auf die Stadt Condom.