Das Erlebte für mich behalten
Ich schwärme immer noch vom gestern Erlebten. Wir beide sind der Einladung zum Frühstück nicht nachgekommen. Ich wollte schon, bin dann aber auch losgelaufen, nachdem Harald nicht wollte und schon ’ne halbe Stunde vor mir weg war. Pilgermesse heute Morgen? Nee, ich wollte das von gestern Abend in reiner Form für mich behalten. Ich bin keiner, der zu jeder Pilgermesse geht. Und so, wie es gestern gekommen war, sollte es auch bleiben.
Harald musste unbedingt weiter, da er sich um seine Schuhe kümmern musste. Schließlich waren auch andere schon auf dem Weg, also keine Panik wegen der verpassten Messe.
Tipp Man sollte am Abend oder Nachmittag, wenn die Sonne auf die Stadt scheint, rüber zur kleinen Kapelle Sainte-Foy gehen und den Ausblick auf Conques genießen. Am Morgen ist die Stadt noch nicht von der Sonne erhellt.
Kaffee in Noailhac
Ich sitze gerade in Noailhac bei einem Kaffee und schreibe diese Zeilen. Heute gehe ich nur bis Decazeville, wo ich meine Fotospeicher auf DVD kopieren und vor allem das Eröffnungsspiel der WM 2006 sehen will: DEUTSCHLAND – COSTA RICA.
Mir geht’s so weit ganz gut, nur der linke Fuß macht jetzt fast dieselben Faxen wie vorher der rechte. So ein Scheiß! Ich denke mal, ich bin heute Morgen zu schnell gestartet und den Berg hochgelaufen. Ich schalte jetzt einen Gang zurück, um mich zu schonen, denn es sind ja nur noch 11 km bis Decazeville. Man hat unterwegs wieder eine berauschende Fernsicht. Unterwegs habe ich den Elsässer Michel getroffen.
Les Volets Bleus
In Decazeville habe ich in der Gîte d’étape „Les Volets Bleus“ eingecheckt. Sehr schön und angenehm. Geführt von zwei Typen, die – sieht man mal, wie es früher aussah – eine richtig schnuckelige Unterkunft geschaffen haben. Nur leiste ich mir heute kein Abendessen und kein Frühstück, obwohl die beiden sicher Leckeres auf den Teller zaubern. Wäre das Geld egal, würde ich immer in den Gîtes essen. Regional fressen ist doch das Beste, was man machen kann.
Ich habe die Chips auf CD brennen lassen. 14 € – verdammt teuer, der Bastard! Bin durch die Stadt gelaufen und habe eingekauft. War heute mal schokogeil. Habe Nike-„Trail“-Sandalen für 50 € ergattert. Hoffentlich werde ich es nicht bereuen. Aber bei der Hitze immer in den LOWAs rumzulatschen, kann’s ja wohl nicht sein. Käsefuß, sei dankbar!
In einer kleinen Bar sah ich bei einigen Bierchen das Spiel Deutschland gegen Costa Rica. 4:2. Na ja! Leckere Teilchen gingen in der Bar ein und aus. Mein Bein schmerzte gewaltig. Der Wirt war so freundlich und gab mir Eiswürfel, die ich dann in einer Einkaufstüte im Socken ums Schmerzgebiet legte. Es hilft.
Danke, Harald!
Eigentlich wollten wir uns heute hier in Decazeville treffen, doch Harald ist gleich bis Figeac gelaufen. Es gab da ’ne kürzere Route nach Figeac. Na ja, ich denke, er wollte schon lange wieder allein weiterlaufen. Mir ging es auch nicht anders, obwohl wir meiner Meinung nach gut harmonierten. Aber wenn man zusammen läuft, ist eine angesagte Trennung komisch.
Ich hatte mich schon an das gemeinsame Laufen gewöhnt, und obwohl wir manchmal stundenlang nix sagten oder in weitem Abstand zueinander liefen, war man doch verbunden und konnte nicht wirklich tief in sich gehen. Es fehlt dazu die wirkliche Einsamkeit. (Meine Meinung.)
Man nimmt die ganze Sache wieder viel intensiver wahr, bleibt stehen, wenn man mag, und entscheidet nur für sich. Man kommt wieder zu sich selbst und lernt sich in den Situationen besser kennen, in denen einem nix abgenommen werden kann. Es ist auch nicht immer einfach, sich selbst zu ertragen, sich zu ertappen, wie man sich selbst auf dem linken Fuß mit hinterfotzigen Gedankenspielereien erwischt.
Man kommt wieder zu sich selbst.
NIX Negatives über die Zeit, in der wir gemeinsam gelaufen sind, nur sehnt man sich oft nach einer eigenen Entscheidung über Pausen, Strecken, Kilometer, Unterkünfte etc. Wir waren trotzdem ein super Gespann, das sich ergänzte, respektierte, unterstützte, lachte und schwieg.
DANKE, HARALD!