Mein Jakobsweg 2006 · Tag 65

Mansilla de las Mulas – León

📅 Samstag, 08.07.2006📏 18,6 km⛪ Kathedrale von León⚽ Deutschland – Portugal 3:1⚖️ 79 kg

Ab da fliegt man

Die Vorfreude war groß, die ganze Nacht über. Heute ging’s nach León. Wie die meisten bin ich die 19 km bis León heute durchgelaufen. Unterwegs habe ich den Spanier Francisco getroffen, mit dem ich spontan zusammenlief. Verständigung = 0, aber mit Händen und Füßen ging’s a Wengerl. Zumindest fanden wir heraus, dass er Fan von Rammstein ist. Da war er mir erst recht sympathisch. ;-)

Ach, wenn man da von der Brücke auf die Stadt schauen kann und von Weitem die Kathedrale sieht, schlägt einem das Herz schon höher. Ab da fliegt man förmlich.

Hier könnte ich leben

Erst wusste ich nicht, wie ich’s mache: erst Unterkunft oder gleich in die Stadt? Ich ging gleich in die Stadt. Eine superschöne Stadt, ich war begeistert. Auch wenn mich die Kathedrale in Burgos mehr fasziniert hatte, so war die Kathedrale von León doch ein außergewöhnlich schönes Bauwerk, ein Meisterwerk. Wie gesagt, ich war platt. Mein erster Gedanke war: Hier könnte ich leben.

Mein erster Gedanke war: Hier könnte ich leben.

In einem der Straßencafés entdeckte ich Lorenzo, musste jedoch weiter, da ich mit der Jugendherberge schon spät dran war. Ich wollte auf keinen Fall hier hinter den großen Klostermauern schlafen und um 10 zu Bett gehen. Nee, nee, nee! Dafür war die Stadt viel zu schön. Das musste ausgekostet werden. Die Jugendherberge lag ein ganzes Stück weg vom Stadtkern.

Nach dem Check-in in der Herberge ging’s ab in die Stadt. Was für ein schönes Gefühl, ohne Rucksack zu gehen … Auf meinem Rundgang besuchte ich als Erstes die Basilika San Isidoro und das Museum. Ein historischer Leckerbissen, wenn’s das gibt. Dann bin ich den ganzen Tag durch die Stadt geschlendert. Da ein Café, dort ein Eis, da Oliven usw. Einfach nur schön.

Als ich auf einer Bank vor der Kathedrale neben einer älteren Dame Platz nahm, sprach sie mich kurzerhand an. Ca. vier Minuten lauschte ich ihren Worten, von denen ich leider keines verstand. Ich glaube, sie fand es nett, dass ich meinen Müll ordentlich entsorgt hatte. Viele schmeißen halt alles nur weg.

Später ließ ich mich in einer kleinen Wein-Tapas-Bar nieder. Vino Rosso mit Schinken- und Käsehappen = 1,20 €. Dat macht Spaaaß! Anschließend bin ich von Gasse zu Gasse gelaufen und habe das Flair dieser Stadt in mich aufgesogen. Später traf ich auf Gregor und Karin aus Österreich. Zwei ganz liebe Pilger. Ich machte mich jetzt auf die Suche nach einer Bar, in der ich heute Abend das Fußballspiel Deutschland – Portugal sehen kann, was sich anfangs als nicht so leicht herausstellte.

Schweini, du Saubua!

Ich beschloss, gleich dazubleiben, und bestellte eine kühle Cerveza, wozu ich noch Pinchos bekam. Nach dem fünften Bier sagte ich höflich, dass ich nix mehr essen kann. Also keine Pinchos mehr. Zwei Bier durften es dann aber noch sein. ;-)

Der Kellner war ein Argentinier, sozusagen ein Fan von Portugal. Na ja, ich hatte mehr Spaß und Freude. Beim 3:0 kniete ich vor lauter Freude auf dem Boden. Mir kamen vor Begeisterung die Tränen. Dann sah ich, dass sich die Gäste draußen auf der Terrasse mit mir zusammen freuten. Leider war ich bis auf den Ober der einzige Fußballbegeisterte da drin.

Schweini, du Saubua! Was hast du mir heute für ’ne Freude gemacht! Es war wie ein Endspiel. Die Deutschen haben die Portugiesen so in den Schatten gestellt, das war unfassbar. Und das Mädchen Cristiano Ronaldo ist ja wohl die bitterste Enttäuschung gewesen. Sooo ein Weichei, Mann, der ist ja nur gefallen und hat geweint. Ihm würde mehr Härte nicht schaden.

  • Deutschland – Portugal 3:1
  • 3. Platz für Deutschland!

Jedenfalls war es ein wunderschöner Tag und ein super Fußballabend. Ich war noch bis spät in die Nacht in der Stadt, machte Fotos und schaute dem regen Treiben der Leute zu. Die Kathedrale von León ist bis 24:00 Uhr von außen beleuchtet, danach noch von innen. Sagenhaft schön.

PS Einen Tag vorher stieg ich in der Apotheke für 20 Cent auf die Waage. Ergebnis: 79 kg. Die Dame konnte meine Freude gar nicht begreifen.